Marcel Odenbach -
Neue Arbeiten
von Ulrich Bischoff please scoll down for English version
Der Raum – das Zelt – das Ornament – der rotkarierte
Baumwollstoff – die Schrift: „Hitze“ und „FREI“
– und die Geschichte(n), vorgeführt in den ganz in schwarzweiß
gehaltenen Filmsequenzen der Collage von Odenbach oder den in Orange-Weiß
leuchtenden mehr abstrakt formalisierten Naturaufnahmen von Tieren und
Pflanzen von Rosemarie Trockel sind die prägenden Elemente der Gemeinschaftsarbeit
von Odenbach/Trockel „Hitzefrei“ aus dem Jahre 2000. Dieses
Zelt mit den zwei Videoarbeiten war eine der großen Überraschungen
auf der ART Cologne 2005.
Der Raum in der Natur oder im Hotelzimmer, das Ornament als Muster, Zimmergardinen,
Liegestuhlbezüge, Waldboden, Leopardenfell, und die angedeuteten
Spielszenen aus alten und neuen, aus gesehenen oder geträumten Filmen
verdichten sich auf den neuen Papier-arbeiten von Marcel Odenbach zu Bildern
von Geschichten mit vagem Inhalt aber großer Eindringlichkeit. Die
aus geschnipselten Details montierten gegenständlichen Formen geben
mit ihren schuppenartigen Oberflächen dem schnell über das Blatt
fliegenden Auge Halt. In Robbe-Grillets Roman „Der Augenzeuge“
gibt es Details wie das an die Kaimauer schlagende Wasser, die unklaren
Gefühlen durch die Präzision der Beschreibung und nicht durch
die naturalistische Nachempfindung Gehör verschaffen. Analog dazu
ist der Blick aus dem Kanalschacht mit den roten Sicherungsringen, aus
dem heraus eine Steigleiter führt, die schnelle Bewegung des durch
den Wald laufenden Mannes in „Schnipseljagd“ oder der vor
einem, mit Fenstererkern versehenen Wohnhaus wartenden Pistolenbewehrten
bei Marcel Odenbach der prägnante Kern einer nicht erzählbaren
aber äußerst präzis empfundenen Geschichte.
Die Formate dieser Bilder „Papier auf Papier“ bewegen sich
auffällig in der Dimension der großen Fotopapiere oder auch
in der gängigen Form der großformatigen Gemälde der neudeutschen
Schule. Gerissene Ausschnitte wie bei der „Schnipseljagd“
„GESCHEITERT WAR, HINTER VORGEHALTENER HAND“, oder bei der
„Sommerfrische“ gesellen sich zu zentralen Hauptakteuren,
wie die Einschalttafel zur Luftregulierung der drei Fenster „Auf“
„Halt“ und „Ab“. Marcel Odenbach bringt mit diesen
genauen Anschlägen eine Partitur zum Klingen, deren gesamte Struktur
in einer tieferen Schicht verborgen ist, die aber wie beim Einschalten
oder in den hellen Risskanten der Papierschnipsel plötzlich aufblitzt.
Dass diese intensive, in der Tiefe liegende Erzählstruktur auch im
beinahe abstrakten Bereich zutage treten kann, machen die beiden quadratischen
Blätter „Jagdfieber I“ und „Jagdfieber II“
auf eindrückliche Weise deutlich. Das smaragdfarbene Feld mit braunen
und schwarzen Flecken und das gelbe Feld mit roten und schwarzen Markierungen
evozieren auch ohne die Titel das Fell des Leoparden. Mit ihm sind schlagartig
ganze Bereiche interkultureller Erzählungen ins Bewusstsein gehoben:
von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ bis hin zu Filmepen,
die das Schicksal des Einzelnen schildern, wie er sich durch die Nachtseiten
des Lebens, die Gefahren des Dschungels schlägt. Als Jagdtrophäe
erzählt das Fell des Leoparden von der Kraft, dem Mut und der Geschicklichkeit
des Jägers, aber auch mit Blick auf die Geschichte der Kolonien vom
Umgang der Europäer mit Afrika.
Der Blick auf diese sieben vorgestellten Werke erschließt die Arbeitsweise
des Künstlers auf ein-drückliche Weise. Marcel Odenbach knüpft
mit seinen gerissenen Papierfragmenten Netze, mit denen Räume eingefangen
werden, in denen Ge-schichte anwesend ist, die sich zwischen vorne und
hinten, zwischen Oberfläche und Tiefenschicht, zwischen fester Kante
und aufbrechender Schlucht abspielt. Als Beobachter dieser Geschichten
bleibt beim Versuch, etwas von der Wucht und Gewalt, von der Bewegung
und Zartheit dieser Ereignisse festzuhalten, nur das Fragment, das gerissene
Stück Papier, das stellvertretend an den großen Zusammenhang,
an die entgangene Beute erinnert. Dass aus dieser Erinnerung ein Bild
geworden ist, ist das Ergebnis der vorliegenden künstlerischen Intervention.
Ulrich Bischoff Dr. Ulrich Bischoff ist Direktor der Galerie Neue Meister,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Marcel Odenbach - New Works by Ulrich Bischoff
The room – the tent – the ornament
– the chequered red cotton fabric – the words in writing:
“Hitze” and “FREI” – and the narrative(s),
presented as entirely black and white film sequences of the collages by
Odenbach, or the glowing orange and white abstractly formalised nature
shots of animals and plants by Rosemarie Trockel are the characteristic
elements of “Hitzefrei”, the joint piece of work by Odenbach/Trockel
from the year 2000. The tent with the two video works was one of the great
surprises at ART Cologne 2005.
The space in nature or in the hotel room, the ornament as pattern, curtains,
deck chair coverings, forest ground, leopard skin, and the hinted-at play
scenes made from old and new films, films that have been seen and dreamed;
all this comes together in the new works on paper by Marcel Odenbach,
forming pictures of narratives whose content is vague, but which are nonetheless
insistent. They are graphic forms made from snippets whose fragmented
surface arrests the eye as it moves over the sheet. Robbe-Grillet’s
novel “The eyewitness” contains details, such as the water
beating against the quay wall, which give expression to ambiguous feelings
through the precision of the description rather than through naturalistic
reproduction. Analogously, the view from a canal shaft with the red safety
rings, with a vertical ladder leading up from the shaft, the quick movements
of the man running through the woods in “Schnipseljagd” or
the man carrying a pistol outside a residential block with window bays
are for Marcel Odenbach the succinct core of a narrative that cannot be
told but that can be felt all the more precisely.
The formats of these “paper on paper” pictures are noticeably
within the dimension of the large photo papers or of the traditional large
paintings of the new German school. Torn-off clippings such as in “Schnipseljagd”,
“GESCHEITERT WAR, HINTER VORGEHALTENER HAND”, or “Sommerfrische”
join together to become central actors, like the switch panel to regulate
the air coming from the three windows “open”, “halt”
and “off”. With these precise strokes, Marcel Odenbach creates
a composition whose entire structure is hidden within a deeper layer,
which is nevertheless suddenly illuminated when you switch it on, or among
the lighter-colored torn edges of the scraps of paper.
The fact that such an intense and deep-going narrative structure can come
to light in an almost abstract sphere is impressively revealed, in the
two quadratic planes “Jagdfieber I” and “Jagdfieber
II”. The emerald field with brown and black dots, and the yellow
field with red and black markings evoke the skin of the leopard even without
the titles. In a sudden burst, entire areas of intercultural narration
are brought into consciousness: from Joseph Conrad’s “Heart
of Darkness” to film epics that describe the fate of the individual
as he copes with life’s dark side and the dangers of the jungle.
As a hunting trophy, the leopard skin tells of the power, the courage
and the skilfulness of the hunter, but is also reminiscent of colonial
history and the way Europeans treated Africa.
Looking at these seven works provides impressive insight into the way
the artist works. Marcel Odenbach uses his torn scraps of paper to create
nets that capture spaces, that contain narratives that proceed between
front and back, between the surface and deeper layers, between solid edges
and a chasm that breaks open. As the observer of these narratives, all
you are left with when attempting to retain the impact and force, the
movement and tenderness of these events, is the fragment, the torn piece
of paper, representative of the occurrence as a whole, reminiscent of
the prey that has escaped. The fact that a picture emerged from this memory
is the result of the present artistic intervention.
Dr. Ulrich Bischoff is director of the Galerie Neue Meister,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden