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ENA SWANSEA - TEXTS Ulrich Clewing, Im Schlick des Unterbewusstseins Oliver Koerner von Gustorf, Die im Dunkeln sieht man doch
Die im Dunkeln sieht man doch Die New Yorker Künstlerin Ena Swansea ist die große Unbekannte
der Kunstwelt: ein mysteriöser Star, der unsere Gegenwart in Dämmerlicht
taucht. Diesen „amerikanischen Raum“ hat die New Yorker Malerin
Ena Swansea in einen hypnotischen Dämmerzustand versetzt: An die
Stelle der kristallinen Leinwand ist die Finsternis eines abgeschalteten
Bildschirms getreten, auf dessen matt schimmernder Oberfläche sich
die ätherischen Schemen einer zugleich fremdartigen wie vertrauten
Welt spiegeln. Swanseas Das kühl-modernistische Ambiente, in dem ihre Bilder entstehen,
ist ein strahlend weißes, von Tageslicht durchflutetes Loft an der
17. Straße, ausgestattet mit Scheinwerfern, Rollwagen und schweren
schwarzen Vorhängen, ganz so, als sollte hier das Licht in all seinen
Farbspektren und Energiezuständen seziert werden. Tatsächlich
erscheint diese laborartige Situation Swanseas hochempfindlichen Bildern
zu entsprechen. Anstatt das Licht zu reflektieren, absorbieren sie es
an einigen Stellen geradezu. Die Basis bildet hierbei ein spezielles Grafit-Gemisch,
das die Künstlerin in jahrelanger Zusammenarbeit mit Farbenherstellern
entwickelte. Erst nachdem sie die Leinwand mit dieser Lösung in bis
zu fünfzig Schichten grundiert, wird das Dense – „dicht“ gehört zu den Adjektiven, die die Künstlerin heranzieht, um ihre Arbeiten zu beschreiben – so auch eines ihrer jüngsten Gemälde. Vor einem irisierenden Himmel zeigt „bee rider“ eine schwarze Frau, die auf einem Kinderkarussell in einer stilisierten Comic-Biene sitzt. Das Bild entstand nach einem Rummelbesuch auf Coney Island, „jenem altmodischen Ausflugsziel, wo das Meer und der Kommerz einen ganz besonderen Ort schaffen“. Hier fiel Swanseas Blick auf eine absurde Szene: „Ich fand es wirklich befremdend, als ich diese königlich anmutende Frau bemerkte, die in einer Biene umherkreiste. Das war ein seltsamer Zusammenprall – die große Würde dieser lebenden Person und die völlig alberne Vorstellung einer vermenschlichten Biene.“ Auf dem Bild haben die Beine der Frau und des Insekts denselben Farbton. Das resultiert in einem surrealen Effekt, der beide Körper auf den ersten Blick zu einer grotesken Gestalt verschmelzen lässt. Eine poetische, romantische Reminiszenz an die Mysterien der Kindheit? Weit gefehlt. „Ich bin ganz und gar nicht am Surrealismus interessiert“, sagt Swansea sehr bestimmt. In dem Moment, als sie erläutert, dass die Gesichtszüge und die Körperhaltung der Karussellfigur auf verblüffende Weise den rassistischen Karikaturen und Minstrel– Shows des späten 19. Jahrhunderts gleichen, in denen als Schwarze geschminkte Varietésänger auftraten, erscheint ihr Bild hyperreal. Das Vermächtnis des amerikanischen Rassismus, das sie in ihrer aktuellen Gemäldeserie untersucht, ist zugleich ein sehr persönliches und schwieriges Erbe. So war es Swanseas Ururgroßvater, der Prediger, Anwalt, Schauspieler, Filmproduzent und Autor Thomas Dixon, der mit der ultrarechten und bigotten Ku-Klux-Klan-Romanze „The Clansman“ 1905 den Bestseller schrieb, der 1915 die Romanvorlage für den ersten Blockbuster der Filmgeschichte lieferte: D. W. Griffith’s bis heute umstrittenes Meisterwerk „The Birth of a Nation“. Sie seien „komplizierte Grübeleien“, sagt Swansea über ihr Bilder, die in ihrem körperlosen Schwebezustand zwischen Tag und Traum absolute Gegenwart vermitteln. Es sind die gewaltigen Umbrüche, die sich in einer vernetzten und medialisierten Gesellschaft vollzogen haben, die die Malerin faszinieren: „Wenn man sich Manets Bilder anschaut, dann zeigen sie die brandneuen Dinge von damals. Zu diesem Zeitpunkt war der gerade erbaute Pariser Bahnhof St. Lazare etwa das, was heute ein Blackberry-Handy ist. Es waren diese brandneuen Dinge, die auf ganz klare und deutliche Weise den Glamour und die Möglichkeiten des Augenblicks verkörperten. Und es ist interessant, dass die Dinge, die für uns dieses Lebensgefühl verkörpern, keine schimmernden Bahnhöfe sind, sondern Sachen, die klein wie Miniaturen sind und in eine Hosentasche passen.“ Mit einem ausgeprägten Sinn für Camp und Ironie läßt
sie auf „world wide web“ (2004) autistische Kinder in ein
strahlendes Nichts schaukeln oder zeigt auf „german cell phones“
(2004) mobil telefonierende Menschen, die wie die Helden aus einem Flash-Gordon-Comic
tonnenschwere Kampfmonturen mit sich schleppen. Auf den metaphysischen
Spuren des Lichts folgt Swansea zugleich den Bewegungen der europäischen
Malerei. Das Schwarz von Caravaggio, die von Farbe erfüllten Schatten
Vermeers, die Pleinair-Malerei des Impressionismus gehen eine hybride
Verbindung mit der New Yorker Gegenwartskultur ein, die häufig durch
Freunde aus der Kunstszene repräsentiert ist. Wenn Swansea betont,
sie male aus dem „Hinterkopf“ und der „Ort, den sie
nicht kenne“, erledige hierbei die Arbeit, lotet sie mit den Schichten
des Unterbewußtseins gleichermaßen den unermesslichen Abstand
zwischen Projektion und Erinnerung aus. Immer wieder überlagern sich
persönliche Visionen, selbst aufgenommene oder gefundene Fotovorlagen,
Film- und Magazinbilder mit Verweisen aus der Kunstgeschichte. So verschmilzt
auf „luncheon on the grass“ (2002) die Nackte von Manets berühmtem
„Frühstück im Grünen“ mit dem Rückenporträt
einer Freundin. Die jadegrüne Brandung von „the big ocean“
(2005) versetzt Monets Seebild „Die grüne Welle“ in ein
neues, merkwürdig bleiernes Leben – an einen fremden Strand,
auf dem multiple Stimmen, Zeiten und Räume nachhallen. |
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© 2010 Galerie Crone
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