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Wirtschaftswunder
Almut Heise malt seit dreißig Jahren Interieurs. Jetzt wird sie vom Kunstmarkt entdeckt

Von Michaela Nolte

Ein großformatiges Schlafzimmer in bester Realismus-Manier, über dem Ehebett flirrt ein gerahmtes Kandinsky-Poster. Das Bild bei der Galerie Crone Andreas Osarek auf dem letzten Art Forum bleibt in Erinnerung. Es scheint, als sei hier ein neuer Adept der Leipziger Schule am Werke. Doch gleichzeitig wirkt die präzise Wiedergabe des Raums in ihrer klaustrophobischen Ausstrahlung dem Heutigen seltsam entrückt. Alles ist sehr aufgeräumt, sparsam und penibel dekoriert wie eine Möbelhaus-Auslage aus vergangener Zeit. „Elternschlafzimmer II“ hat Almut Heise ihr Ölbild betitelt. Gemalt hat sie es 1971.

Auf dem Zenit junger und jüngster deutscher Malwut präsentiert die Galerie Crone Andreas Osarek nun auch das Werk der 1944 geborenen Künstlerin, die seit über dreißig Jahren mit geradezu stoischer Konsequenz malt. Ihre Koordinaten finden sich in der klassischen Moderne und der neuen Sachlichkeit, in Zeichnungen von Max Beckmann und der Melancholie eines Christian Schad. Zugleich schwingt bei Heise eine Begeisterung für die Pop Art, vornehmlich britischer Prägung, mit.

Meisterhaft bewegen sich die Motive auf einem subtilen Grat von fotorealistischer Genauigkeit und magisch-surrealer Komposition. Mit großem malerischen Gespür entsteht eine Atmosphäre, die zwischen Fassbinder-Filmen und Botho Strauss’ beflissenen, aber in sich verfangenen Weltbürgern schillert. Bilder wie „Fernseher mit Pflanzen“ oder „Frisierkommode“ führen mit Nierentisch, Cocktailsessel und Blumenampel unmittelbar in die ausklingende Wirtschaftswunderzeit. Eingetaucht in ein Licht, das wie ein leises Sfumato ein Geschehen überzieht, in dem nichts passiert. Im realen Gegenstand ist das Unsichtbare gleichsam verkörpert, so als spiegele sich in ihm das Portrait der Abwesenden.

Trotzdem werden die Wiederaufbaujahre nicht zur „bleiernen Zeit“. Heise denunziert sie ebenso wenig, wie sie die kleinbürgerliche Enge der Lächerlichkeit preisgibt. Die fensterlosen Räume wirken beklemmend. Doch ein famoses Farbgespür sowie die kühlen Oberflächen verleihen den Bildern stets eine gewisse Erhabenheit. Sie zeugen zugleich von einer feinen, ironischen Distanz, mit der Heise diesen psychologischen Kosmos auslotet.

Vor den Originalen wird dann auch offensichtlich, warum nur fünf oder sechs Werke im Jahr entstehen: Die profunde gedankliche und kompositorische Arbeit, die ihrer reduzierten Bildsprache vorausgeht, ist auf jedem Zentimeter der Leinwand spürbar. Selbst bei Formaten wie dem „Großen Wohnzimmer“, das mit fast sechs Quadratmetern jedes herkömmliche Wohnzimmer sprengt. Ihre kühne Farbigkeit, wo schon mal eine lindgrüne Fläche und eine lilafarbene Traubentapete aufeinander prallen, wie in „Häusliche Szene II“, verleiht dem Dargestellten eine irritierende Frische. Hinzu kommt eine Delikatesse des Auftrags, in dem monochrome Wände ebenso lebendig und greifbar werden wie die Ornamentik einer brokatenen Polsterbank in „Mann mit Fußbank“.

Überzeugt von der künstlerischen Ausnahmeerscheinung, ist Andreas Osarek dennoch vom Erfolg der Ausstellung überrascht. „Wir hatten noch nie so viel Resonanz schon im Vorfeld nur durch den Katalogversand.“ Das „Elternschlafzimmer II“ wurde schon auf dem Art Forum verkauft, und von den acht in der Ausstellung verbliebenen Bildern (Preise zwischen 14000 und 50000 Euro) sind lediglich zwei noch verfügbar. Auf eine Ausstellung mit neuen Arbeiten muss Osarek jetzt erst einmal ein paar Jahre warten. Heise malt eben nicht schneller. Wenngleich sie ihre Außenseiterposition stets kompromisslos verfolgt hat, zeigt sie sich im Katalog-Interview von der neuerlichen Anerkennung im Zuge des jungen Malerei-Booms schon gerührt: „Es freut mich wirklich, dass so etwas wieder gesehen wird. Man fühlte sich irgendwie so allein.“

Der Tagesspiegel, 15.10.2005

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