exhibiting artists

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Zwischen Dix und Pop
Eine Wiederentdeckung: der merkwürdige Realismus der Malerin Almut Heise
Sebastian Preuss

Es ist die Dingwelt der Wirtschaftswunder-Zeit. Ein penibel aufgeräumtes, blitzblank geputztes Wohnzimmer, ausgelegt mit meliertem PVC und schlierig ornamentiertem Teppich, Kakteen auf einer Nierentisch-Blumenampel, gemusterte Gardinen, auf dem Fernseher Spitzendeckchen und Vase. Durchs Fenster schaut man auf einen gesichtslos gerasterten Wohnsilo der Fünfziger oder Sechziger. Die Hausfrau, die ihre Pflanzen gießt, wird selbst zum Ornament; wie eine ausgeschnittene Fläche steht sie in ihrem Blümchenkleid vor der Wand. Leben möchte man in diesem aufgeräumten Idyll nicht; genau von diesen Vorhöllen der Wohlanständigkeit, vom selbstgerechten Muff der Adenauer-Gesellschaft wollten die revoltierenden Studenten der
Achtundsechziger-Zeit die Bundesrepublik erlösen.
Das Gemälde entstand 1968. Es muss schon damals wie von einem anderen Stern gewirkt haben, in seinem akribischen, merkwürdig leblos wirkenden Realismus, ein Stil irgendwo angesiedelt zwischen Otto Dix und Richard Lindner, zwischen der Neuen Sachlichkeit der Zwanziger Jahre und dem Alltagsfetischismus der Pop Art. Genauso exzentrisch und alltäglich zugleich wirkt eine Treppenszene mit Bambusgitter und ärmlichen Blumenampeln. Empor steigt eine Frau im knapp sitzenden, typisch hellblauen Dralon-Kostüm, auf dem Kopf eine gepanzerte Taft-Frisur. Auch dieses Bild stammt von 1968.
Almut Heise, 1944 geboren, war meist eine Einzelgängerin. Nur in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern traf sie den Nerv des Fotorealismus, auch wenn ihre Bilder viel flächiger, entrückter sind als dessen aufdringliche Lebensnähe. Zudem nahm man damals bei ihr durchaus gewisse Bezüge zu den amerikanischen Pop-Künstlern wahr, die ebenfalls mit Vorliebe die Banalitäten und Grotesken des kleinbürgerlichen Alltags zur Kunst erhoben. So gab es einige Anfangserfolge, doch dann riss das Interesse an Heises als immer anachronistischer erlebten Malerei ab. Sie lebte zurückgezogen in Hamburg, unterrichtete Studenten und hatte eine eingeschworene Anhängerschaft, die sich um die ästhetischen Konventionen des Kunstbetriebs
nicht viel scherte.
Erst jetzt, nach dreißig Jahren, war offenbar die Zeit für ihre Wiederentdeckung reif. Die gegenständliche Malerei feiert Triumphe, von der romantischen Landschaft über schwülstiges Gothic Revival bis zur peniblen Schamhaarmalerei ist heute alles erlaubt und wird mit hysterischem Erfolg am Markt belohnt. Zu Recht hielt da Andreas Osarek von der Berliner
Galerie Crone die Stunde Almut Heises für gekommen. Die Malerin hat lange gezögert, doch dann gab sie neun alte und neue Bilder für eine Ausstellung heraus. Die Schau wurde zu einer kleinen Sensation. Enthusiastisch reagierten Sammler, Kuratoren, Kritiker, aber auch viele junge Künstler auf Heises eingefrorenen, ebenso süßlichen wie in seiner Entrücktheit vergifteten Stil. Der Verkaufserfolg war so groß, dass der Galerist jetzt die Laufzeit der Ausstellung um zehn Tage verkürzte.

Berliner Zeitung
Samstag, 05. November 2005

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