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Langsam lohnt sich
von Christoph Bannat
Seit 35 Jahren malt sie die Adenauer-Ära in Öl: In der Galerie
Crone kann man die detailgenauen Erinnerungsbilder der Hamburger Malerin
Almut Heise wiederentdecken
Das Projekt ist ziemlich mutig. Mit der in Hamburg lebenden Malerin Almut
Heise hat sich Andreas Osarek, der die Galerie Crone leitet, als geduldiger
und geschichtsbewusster Rechercheur entpuppt. Gut fünf Jahre Vorbereitungszeit
hat er für die Ausstellung gebraucht, alles musste mit der 1944 in
Celle geborenen Malerin genau abgesprochen werden. Schließlich ist
Heise keine unbekannte, sondern lediglich eine im Hype des Kunstbetriebs
in Vergessenheit geratene Künstlerin.
Nach dem Kunsthochschulstudium in Hamburg hatte sie Stipendien in London
und Rom, später erhielt sie den renommierten Edwin-Scharff-Preis.
Es gab Einzelausstellungen Mitte der Siebzigerjahre, in der Kunsthalle
Baden-Baden, im Kunstverein Stuttgart und im Kunsthaus Hamburg. Dann stockte
plötzlich die Karriere der damals 30-Jährigen: Die späten
Siebziger waren nicht die Zeit, in der man "einfach nur malte".
Und so nahm Almut Heise ein Lehrangebot der Hochschule für Gestaltung
in Hamburg an, verkaufte weiter über den Kunsthandel, blieb dadurch
aber einer breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.
Was damit beinahe verloren gegangen wäre, wird in der Ausstellung
der Galerie Crone schnell klar: Almut Heise setzt einer zwanghaft an Verweisen
und Zitaten interessierten neuen Realismusmalerei, die mehr auf Geste
denn auf genaue Beobachtung, mehr auf Zeichenhaftigkeit denn auf Hingabe
Wert legt und die jede Innerlichkeit scheut, eine wohltuende Langsamkeit
entgegen. Eine Langsamkeit, die ganz der Logik der Bilder und nicht der
des Kunstbetriebs folgt. Schon Anfang der Siebzigerjahre produzierte Heise
nur etwa fünf Bilder im Jahr, was den Kölner Galeristen Rudolf
Zwirner davon abhielt, sie groß herauszubringen. Heute erkennt man,
dass diese Langsamkeit kein Manko, sondern ein Statement war.
Almut Heise malt Interieurs und Porträts, in eigenem Auftrag. Ihre
Bilder vereinen den hausbackenen Charme der Adenauer-Zeit mit dem ungebrochenen
Fortschrittsglauben der Fünfzigerjahre. So beschwört sie den
Nachkriegsmythos vom befreiten Individuum bis in die ästhetischen
Details hinein - mit all den Kandinskys, Feiningers und Mirós,
die damals abstrakte Wohnzimmerikonen für das Bürgertum lieferten.
Bei Almut Heise haben modische Topfpflanzen, Tapetenmuster und Bodenvasen
jener Zeit ihren Auftritt, ohne eine ironische Brechung. Anders als Sigmar
Polke, der mit seinen Palmen-, Bambus- und Kranichbildern zum großen
Stichwortgeber der deutschen Wiederaufbauepoche wurde, widmet sich Heise
dieser Welt geduldig und mit malerischer Rafinesse. Bei ihr spürt
man förmlich die Lust an der Stofflichkeit, an der Oberflächenbeschaffenheit
und den Mustern jener Zeit, ihrer Kindheit. Nicht von ungefähr waren
die Tapeten- und Kleidermuster damals eine Verbeugung vor den Arbeiten
von Paul Klee bis Jackson Pollock, und nicht von ungefähr bildeten
sie auch die erste Sehschule für viele Nachkriegskinder.
Die Bilder der späten Sechziger-und frühen Siebzigerjahre zeigen
noch deutlich den Einfluss ihrer Lehrer Allen Jones und David Hockney.
In den folgenden Jahren wird Almut Heise allerdings immer detailversessener.
Es ist, als erfinde Heise mit jedem Bildgegenstand ihre Malerei neu. Das
hat oft eine unglaubliche formale Strenge, als wolle sie mit aller Gewalt
den malerischen Zufall bezwingen. Das sieht so aus, als habe sie in den
Vorkriegskünstlern, in Max Beckmann, Otto Dix und Christian Schad,
ihre Seelenverwandten gefunden.
Atmosphärisch dicht, wie durch den Schleier der Erinnerung, nähert
sie sich noch heute dem hausgemachten Glamour der Fünfziger. So erscheint
ihr zwischen 2000 und 2002 gemaltes Weihnachtsbild wie in einer Zeitblase
gefangen. Das mag nach Nostalgie klingen, es ist aber auch das Bekenntnis,
nur das zu malen, was man liebt. Und da Almut Heise mittlerweile über
60 Jahre alt ist, geht es dabei nicht mehr um die heiße Liebe zum
schnellen Effekt, sondern um eine geduldige Liebe zu Interieur und Menschen.
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